Aktualisiert am:
EN 9100 (AS9100): Qualitätsmanagement in der Luft- und Raumfahrt
Die EN 9100 ist die Qualitätsmanagementnorm für die Luft- und Raumfahrt und die Verteidigungsindustrie. Sie enthält den vollständigen Text der ISO 9001:2015 und ergänzt ihn um rund 100 branchenspezifische Anforderungen – von der Produktsicherheit über das Konfigurationsmanagement bis zur Erstmusterprüfung. EN 9100 ist die europäische Ausgabe; in Amerika heißt dieselbe Norm AS9100, in Asien JISQ 9100. Häufig wird nach „ISO 9100“ gesucht – eine ISO-Norm dieses Namens gibt es nicht, gemeint ist die EN 9100 beziehungsweise AS9100 auf Basis der ISO 9001.
EN 9100, AS9100, JISQ 9100: eine Norm, drei Ausgaben
Die Norm wird von der International Aerospace Quality Group (IAQG) gepflegt, dem Zusammenschluss der großen Hersteller und Zulieferer. Die drei regionalen Ausgaben sind inhaltlich identisch; ein Zertifikat nach EN 9100 gilt deshalb weltweit als Nachweis nach AS9100. Aktuell ist die Ausgabe EN 9100:2018 (entspricht AS9100 Rev. D), die auf der ISO 9001:2015 aufbaut. Zur Normenfamilie gehören außerdem EN 9110 für Instandhaltungsbetriebe (MRO) und EN 9120 für Händler und Distributoren sowie ergänzende Normen wie EN 9102 (Erstmusterprüfung) und EN 9104-001 (Regeln für die Zertifizierung).
Was die EN 9100 über die ISO 9001 hinaus verlangt
Die Zusatzanforderungen sind im Normtext kursiv und fett hervorgehoben. Die wichtigsten:
- Produktsicherheit (Kapitel 8.1.3): Gefährdungen durch das Produkt über den gesamten Lebenszyklus bewerten und steuern; Beschäftigte müssen ihren Beitrag zur Produktsicherheit kennen (7.3).
- Vermeidung gefälschter Teile (8.1.4): Prozesse gegen Counterfeit Parts, insbesondere bei elektronischen Bauteilen und Beschaffung außerhalb autorisierter Quellen.
- Konfigurationsmanagement (8.1.2): Identifikation, Änderungssteuerung und Nachweis des Bauzustands jedes Produkts.
- Operatives Risikomanagement (8.1.1) und Projektmanagement für Entwicklungs- und Lieferprojekte.
- Kritische Merkmale und Schlüsselmerkmale: besondere Überwachung von Merkmalen, deren Abweichung Sicherheit oder Funktion beeinträchtigt.
- Erstmusterprüfung (First Article Inspection) nach EN 9102 vor der Serienfertigung und nach relevanten Änderungen.
- Steuerung externer Anbieter (8.4): Weitergabe der Kundenanforderungen in die Lieferkette, Lieferantenfreigabe, Überwachung der Lieferantenleistung, Zugangsrecht für Kunden und Behörden.
- Rückverfolgbarkeit jedes Teils bis zum Werkstoff und menschliche Faktoren als Pflichtelement der Ursachenanalyse bei Nichtkonformitäten (10.2).
Wer braucht die EN 9100?
Alle Unternehmen, die Teile, Baugruppen, Werkstoffe oder Dienstleistungen in die Lieferkette von Luftfahrt, Raumfahrt oder Verteidigung liefern: Zerspanungs- und Blechbetriebe, Elektronikfertiger, Oberflächentechnik, Kunststoffverarbeiter, Ingenieurdienstleister. Hersteller wie Airbus oder Boeing und ihre Systemlieferanten fordern das Zertifikat vertraglich und prüfen den Eintrag in der OASIS-Datenbank der IAQG. Für Instandhaltungsbetriebe gilt die EN 9110, für reine Händler die EN 9120.
Zertifizierung nach EN 9100
Zertifizieren dürfen nur Zertifizierungsstellen, die nach EN 9104-001 zugelassen sind, mit Auditoren, die eine besondere Luftfahrtqualifikation nachweisen. Der Auditansatz ist strenger als bei der ISO 9001: Prozesse werden mit dem Process Effectiveness Assessment Report (PEAR) auf ihre Wirksamkeit bewertet, Kundenanforderungen und Leistungskennzahlen wie Liefertreue und Ausschuss werden direkt geprüft. Das Zertifikat läuft über drei Jahre mit jährlichen Überwachungsaudits und wird in der OASIS-Datenbank veröffentlicht, wo Kunden es einsehen. Ein EN-9100-Zertifikat bestätigt zugleich die Konformität mit der ISO 9001. Mehr zum Ablauf: Zertifizierungsaudit.
Praxisbeispiel: vom ISO-9001-System zur EN 9100
Ein Zerspanungsbetrieb mit 60 Beschäftigten ist seit Jahren nach ISO 9001 zertifiziert und soll für einen neuen Kunden Strukturteile für Flugzeugkomponenten fertigen. Die Gap-Analyse zeigt die typischen Lücken: keine Erstmusterprüfung nach EN 9102, kein Konfigurationsmanagement, keine dokumentierte Bewertung der Produktsicherheit, Lieferanten ohne Luftfahrtfreigabe. In neun Monaten werden die Prozesse ergänzt, Prüfmittel und Rückverfolgbarkeit erweitert und die Beschäftigten geschult; das bestehende QM-System bleibt das Fundament. Das Zertifizierungsaudit bestätigt beide Normen in einem Verfahren.
Häufige Fragen zur EN 9100
Ist die EN 9100 dasselbe wie die AS9100?
Ja. EN 9100 (Europa), AS9100 (Amerika) und JISQ 9100 (Asien) sind die regionalen Ausgaben derselben Norm der International Aerospace Quality Group. Ein Zertifikat nach EN 9100 wird weltweit als AS9100-Nachweis anerkannt.
Ersetzt die EN 9100 die ISO 9001?
Die EN 9100 enthält die ISO 9001 vollständig und ergänzt sie um Anforderungen der Luft- und Raumfahrt. Ein Unternehmen mit EN-9100-Zertifikat erfüllt damit auch die ISO 9001; ein bestehendes ISO-9001-System ist die übliche Ausgangsbasis für die Umstellung.
Wie lange dauert die Umstellung von ISO 9001 auf EN 9100?
Das hängt vom Reifegrad des bestehenden Systems ab. Bei einem gelebten ISO-9001-System dauert es erfahrungsgemäß mehrere Monate, um Erstmusterprüfung, Konfigurationsmanagement, Produktsicherheit und Lieferantensteuerung zu ergänzen und nachweisbar zu betreiben. Eine Gap-Analyse zeigt den konkreten Aufwand.
Verwandte Begriffe
Die EN 9100 gehört nicht zu unserem Beratungsangebot – die Grundlage jeder EN-9100-Zertifizierung aber schon: ein wirksames Qualitätsmanagementsystem nach ISO 9001. Dabei unterstützen wir Sie von der Einführung bis zum Zertifikat, siehe Qualitätsmanagement nach ISO 9001.